Montag, 17. Mai 2021

Wie es wirklich war - Teil 3

 Fortsetzung von Teil 2.

Andreas Gruber ging in die Küche, um seinen Muckefuck zu trinken. Bohnenkaffee gab es nur am Sonntag. Er stärke sich noch mit einem Kanten Brot. Eigentlich hatte er heute vor, zwei Äcker zu eggen, damit er dort noch den Hafer säen konnte, aber da nun eine Schneedecke lag, war das noch nicht der richtige Zeitpunkt. Er ging also hinaus, um Holz zu holen. Bei den tiefen Temperaturen werden sie noch ein bisschen mehr brauchen als wenn es wärmer gewesen wäre, dachte er sich. Sein Nachbar, Lorenz Schlittenbauer, pflügte derweil mit seinen Pferden den Acker, auf dem er später Kartoffeln legen wollte. "Griaß di" schrie Schlittenbauer rüber. Gruber erwiderte den Gruß. Beide Männer standen ca. 50 Meter voneinander entfernt. Schlittenbauer rief rüber, dass auf dem schneebedeckten Platz Fußspuren zu sehen seien. Gruber wusste es - die Spuren würden Ärger machen. Er versuchte möglichst unirritiert zu wirken. Ja, antwortete Gruber, das wüsste er, es hätte heute Nacht einen Einbruchversuch in der Motorenhütte und in seiner Futterkammer gegeben. Die Zeiten wären derzeit so schlecht, die Leute wären so verzweifelt, dass sie sogar das Heu schon stehlen würden, antwortete Schlittenbauer. "Aber", so Schlittenbauer weiter, "pass auf, die Spuren gehen nicht mehr von deinem Hof weg. Die Halunken sind da noch irgendwo." Schlittenbauer bot an, dem Gruber mit seiner Pistole zu Hilfe zu kommen, sie könnten miteinander den Stadel und den Heuboden durchsuchen. "Nein, nein", wehrte Gruber innerlich erschrocken ab, "das schaffe ich schon alleine. Denen werde ich es schon zeigen." "Wie du meinst" erwiderte Schlittenbauer und pflügte weiter. Gruber hackte weiter Holz, da ging auch schon der Bauer Stegmair vorbei, blieb stehen und grüßte. Gruber machte auch ihn auf die Spuren aufmerksam und dass er davon ausging, dass das ein paar Spitzbuben wären. Nach einem kurzen Plaudern setzte Stegmair seinen Weg fort und Gruber ging mit dem Brennholz in den Stall und von dort in die Küche. Die Tür von der Küche direkt nach draußen war, seit dort die Wasserleitung gelegt war, nicht mehr passierbar. Er schlichete das Holz neben dem Ofen auf. Seine Frau saß am Tisch und schälte Kartoffeln und der kleine Josef spielte am Fußboden unter dem Tisch mit Bauklötzen. Gruber begab sich wieder in den Stall, in dem Viktoria ihre Arbeit verrichtete und sagte ihr, sie solle mitkommen. Sie hob erstaunt den Blick, folgte ihm aber nach draußen. Dort zeigte er ihr die Fußspuren und auch die von ihm selber getürkten Einbruchsspuren. Justament zu dem Zeitpunkt kam auch noch der Postbote und brachte die Zeitung. Gruber wollte Viktoria jetzt noch nicht einweihen, das würde er erst heute Abend erledigen. Aber er musste mögliche Gerüchte vor ihrem Entstehen entkräften, deswegen beschloss er, noch heute nach Schrobenhausen in die Eisenwarenhandlung zu gehen und auch dort von dem Einbruch zu berichten. Zu seiner Tochter sagte er, dass er in die Stadt ginge und sie könne ja mitkommen, denn sie brauchte neue Zündhölzl. Sie willigte ein. Beide gingen wieder in den Stall zurück und da war es zu hören - deutliche Schritte auf dem Heuboden. Viktoria erschrak und sagte zum Vater: "Da sind ja Gestalten oben!" Gruber beruhigte sie, er würde am Abend nach dem Heimkommen von Schrobenhausen nachsehen und dem Spuk ein Ende bereiten. Aber jetzt sollten sie sich beeilen, damit sie noch im Hellen wieder heimkämen. 

Am Abend war es dann soweit. Nach dem Essen - es gab Brennsuppe, schließlich war Fastenzeit - 



brachte Viktoria die Kinder ins Bett. Er, Andreas Gruber, blieb noch, entgegen seiner sonstigen Gewohnheiten, am Tisch sitzen und wartete auf ihre Rückkehr aus dem Schlafzimmer. "Komm mit", befahl er ihr, als sie auf dem Weg zum Stall nochmal durch die Küche kam. Seine Frau, schon am Spülstein mit dem Abwasch beschäftigt, horchte auf und drehte sich zu den beiden um. Er schlurfte zur Haustür, Viktoria hinterher, und öffnete die Türe. Seine Frau drehte sich ohne erkennbare Reaktion wieder dem Spülstein zu und widmete sich geschäftig dem schmutzigen Geschirr. Andreas Gruber ging zur Remise, dicht gefolgt von seiner Tochter. Viktoria sagte: "Aber wir wollten doch den Heuboden durchsuchen." Bei der Remise angekommen, drehte sich Gruber sich zur Viktoria um und begann mit seiner Ansprache, wie er das folgende im Geist nannte: "Auf dem Heuboden haben ich zwei Leute einquartiert. Die sind gefährlich und werden von der Polizei gesucht. Frag nicht, warum. Darüber darf ich nichts sagen. Aber niemand, ich wiederhole, niemand, wirklich niemand darf davon erfahren, sonst werden wir alle erschlagen. Hast du das verstanden?" sprach er leise aber eindringlich zu Viktoria.  Viktoria aber, mit einem aufbrausendem Temperament gesegnet, kam ganz nah auf ihren Vater zu und grollte ihn leise, aber gefährlich an: "Wie stellst du dir das vor? Die Kinder werden das merken. Soll ich sie im Keller einsperren, so wie du früher? Du kannst doch kein gefährliches Pack unter unserem Dach beherbergen. Morgen früh wirfst du sie raus!" Damit machte sie auf dem Absatz kehrt und stapfte entschlossen Richtung Haustür. Andreas Gruber sprang wie ein wildes Tier in ihren Rücken und hielt sie grob am Arm fest. "Du machst, was ich dir sage." herrschte er sie an. Sie aber konnte ihre Tränen der Wut und Ohnmacht nicht mehr zurückhalten und giftete nur: "Lieber gehe ich ja noch ins Wasser", riss sich von ihm los und rannte davon. 

Andreas Gruber ging zurück ins Haus in die Küche. Die Haustür ließ er unverschlossen, Viktoria musste ja noch zurückkommen. Er setzte sich an den Küchentisch und seine Frau, die jetzt mit dem Abwasch fertig war, setzte sich zu ihm. Beide schwiegen gedankenverloren. So saßen sie eine ganze Weile, als die kleine Cilli in die Küche kam und sich verwundert erkundigte, wo denn die Mutter bliebe. Die alte Frau Gruber nahm die Enkeltochter an der Hand, beruhigte sie, die Mutter wäre noch spazieren gegangen und käme gleich wieder und führte die kleine Cilli wieder ins Schlafzimmer. Dort krabbelte Cilli ins Bett und ließ sich von der Oma zudecken. Auf dem Weg zur Tür senkte Cäzilia Gruber kurz den Zeigefinger in den neben der Tür hängenden Weihwasserkessel, drehte sich zur Cilli um und machte ihr mit dem Zeigefinger das Kreuzzeichen auf die Stirn. Dazu flüsterte sie: "Gott schütze dich.". Sie kehrte wieder zur Tür zurück und schloss diese leise hinter sich. Dann ging sie wieder zurück in die Küche. Dort angekommen sagte sie ruhig und entschlossen zu ihrem Mann, dass sie jetzt rausginge und Viktoria suchen würde. Andreas Gruber stand vom Tisch auf, nahm eine Laterne und sagte zu seiner Frau, dass er mitkäme. 

Cilli lag hellwach im Bett und konnte vor Sorge nicht schlafen. Die Deckenbalken knarzten mehr als sonst, als ob jemand im Heuboden wäre, dachte sie. Nur sie und Josef waren noch im Haus, das war sehr beunruhigend. 

Teil 4 wird folgen.

Montag, 19. April 2021

Wie es wirklich war - Teil 2

Fortsetzung von Teil 1

Es sollte und durfte doch keiner wissen, wem er auf seinem Heuboden Quartier gewährt hatte. Noch war alles rings herum ruhig, noch waren die Nachbarn nicht unterwegs. Er nahm geschwind eine Brechstange und verpasste damit der Tür zur Futterkammer Einbruchspuren und er riss damit den Verschluss von der Tür zum Motorenhäuschen ab, so dass man dort ungehinderten Zugang hatte. Im Motorenhäuschen war der Benzinmotor des Bauernhofes untergebracht, er war mal der ganze Stolz von Andreas Gruber. Derzeit war er - also der Motor - aber schon wieder defekt und der Monteur, der schon lange bestellt war, ließ bereits wochenlang auf sich warten. In diesem Zustand war der Motor jedenfalls keine Erleichterung bei der Arbeit auf dem Hof. Vom Motorenhäuschen gingen nur kleine Löcher in den Stadel, durch die die Riemen liefen. Ein Mensch kam von hier aus nirgends hin, es war wie eine Sackgasse und da der Motorblock zu schwer zum Stehlen war, schien es Andreas Gruber keine große Gefahr, die Tür unverschlossen zu lassen, auch in diesen schweren Zeiten, in denen viel Gesindel, Hausierer und Verbrecher unterwegs waren. Angriff ist die beste Verteidigung, er würde nachher selber seine Nachbarn auf die Spuren aufmerksam machen und ihnen von den Einbruchspuren erzählen. 

Und noch eine wichtige Mission hatte er zu bewältigen, seine Frau und Viktoria mussten informiert werden. Das würde wieder ein Gezeter geben. Insbesondere Viktoria war von seinen Geschäften gar nicht angetan, sie hatte Angst. Sie wollte weder etwas von den Waffenschiebereien wissen, die über den Hof liefen, noch wollte sie sich politisch auf eine Meinung festlegen lassen. Sie hatte Angst um ihre Kinder und Angst vor der Zukunft. Der Hof war für sämtliche Transaktionen vorbei am Auge des Gesetzes und unbehelligt von Blicken durch neugierige Nachbarn ideal, denn ein Pferdefuhrwerk oder ein Motorwagen konnte ganz schnell von Gröbern an Hinterkaifeck vorbei nach Schrobenhausen oder nach Brunnen oder von Brunnen nach Schrobenhausen oder nach Gröbern oder andere Strecken zurücklegen. Nie konnte jemand mit Sicherheit sagen, ob an Hinterkaifeck gehalten wurde und wenn ja, für wie lange Zeit. Das machte den Hof so ungemein interessant für die Waffenschiebereien, denn das Abladen oder Aufladen beanspruchte ja doch einige Zeit. Allein die Lage des Hofes führte ja schließlich dazu, dass Andreas Gruber trotz seiner Zuchthausstrafe in die örtlichen Gemeinschaft wieder voll integriert war. Er war sogar Mitglied der Einwohnerwehr Wangen und daher auch im Besitz eines Gewehres 98K.  

 Mit Teil 3 geht es weiter.



Donnerstag, 1. April 2021

Wie es wirklich war - Teil 1

 Alte Aufzeichnungen lassen einem unter Umständen den Atem stocken. Zu erkennen, dass die eigenen Vorfahren fähig zu Raub, Mord und Totschlag waren, erschreckt im ersten Moment. Aber dann obsiegte die Neugier und mein eigenes Schreibtalent und deswegen wird es hier innerhalb des nächsten Jahres die wahre Geschichte als Fortsetzungsroman geben. Und so werden alle zum 100. Todestag der Hinterkaifecker die wahre Geschichte kennen. 




Ende März des Jahres 1922 irgendwo südlich des Donaumooses.

Es war zwanzig Minuten vor sieben Uhr morgens, draußen war alles ruhig. Die müde Wintersonne war noch nicht zu sehen, aber der Himmel im Osten verkündete schon ihren baldigen Auftritt. Ganz langsam musste die Dunkelheit weichen, sie musste Platz machen für einen Silberstreif am Horizont, der die Landschaft langsam aus den Schatten der Nacht holte. Der Winter war noch nicht zu Ende gegangen. In der Nacht hatte sich wieder eine dünne Schneedecke über die Felder gelegt. Jetzt aber war die Luft klar und klirrend kalt. Der helle Schnee machte das im Morgengrauen normalerweise Unsichtbare sichtbar, Rotwild lief über die Äcker in Richtung Hexenholz, dessen dunkle Silhouette sich deutlich gegen den Schnee abzeichnete und am oberen Rand sanft in Zwielicht des Himmels verschwamm. Schade, dass gerade Schonfrist war, sonst hätte sich dieser Morgen gut zur Jagd geeignet. 
Andreas Huber stand an der Stalltüre und starrte regungslos in eben diese Nacht. Hinter ihm hörte er das gleichmäßige malmen der Kühe, die genüsslich ihr Heu verschlangen. Sie waren gemistet und gemolken, leise klirrten die Ketten, an denen sie im Stall fixiert waren, hin und wieder hörte man ein lautes Schnauben. Alles schien friedlich. Aber im Kopf von Andreas Huber arbeitete es fieberhaft. Wie sollte er aus dieser Situation herauskommen? Auf dem Heuboden oben warteten zwei Menschen auf eine Lösung, aber es gab keine schnelle Lösung. Es musste ihm etwas einfallen, er muss seine Familie informieren. Das würde wieder ein Gezeter mit der Tochter geben. Dabei war sie an der Situation schuld, sie hatte die Geldübergabe vermasselt und ihn dadurch erpressbar gemacht. Dabei hatte er sich so sicher gefühlt, alles schien wunderbar zu laufen und dann lässt sich seine Tochter, das dumme Weibstück, das Geld vom Pfarrer abnehmen und es erreichte die eigentlichen Empfänger nicht. Viktoria, seine Tochter, nahm das Goldgeld und versteckte es in der Kirche im Beichtstuhl. Sie war die erste Sopranistin im Kirchenchor und wurde daher einmal in der Woche alleine ohne die anderen Sängerinnen und Sänger von dem Organisten unterrichtet. Das waren ideale Voraussetzungen, sie war immer ein paar Minuten vor ihm da und hatte dann Zeit, das Geld unbemerkt im Beichtstuhl zu verstecken. Der Geldbote kam dann und holten es in einem ebenso unbemerkten Moment ab und brachte es den eigentlichen Empfängern. Natürlich blieb da ein nicht unerklecklicher Batzen Geld beim Gruber hängen, Geschäfte vorbei an Gesetzen und der Justiz waren nun mal nicht ganz ungefährlich und auch nicht billig. Jetzt aber, vor zwei Wochen, ist etwas schiefgelaufen. Viktoria hatte 700 Goldmark im Beichtstuhl zum vereinbarten Zeitpunkt deponiert. Aber wie es der Teufel so will, - oder war es gar Gottes Wille, der Beichtstuhl steht schließlich in einem Gotteshaus - fiel das Geld dem Pfarrer in die Hände. Wahrscheinlich hat es die vorwitzige Mesnerin gefunden und gleich dem Pfarrer gebracht. Sie wird es auch gewesen sein, die dem Pfarrer gesteckt hat, dass Viktoria eben vorher in der Kirche gewesen sein musste, denn sie sperrte ja immer die Kirche auf und zu. Und der Herr Pfarrer hatte nichts Besseres zu tun, als Cilli, seine, Andreas Hubers Enkeltochter, darauf anzusprechen, dass die Mama mal mit ihm reden müsste. Also musste sich Viktoria auf den Weg zum Pfarrer machen. Sie hat es hinterher daheim genau erzählt, daher konnte sich Andreas Huber sehr gut vorstellen, wie es war. Erst bat sie der Pfarrer in sein Büro. Es war karg eingerichtet, die Wände waren gekalkt, auf den blanken Holzdielen des Fußbodens konnte man genau sehen, wo viel gelaufen wurde und wo die Sitzmöglichkeiten waren. Der Boden war an diesen Stellen durch die Schuhsolen so fein geschliffen worden, dass er glänzte und glatt wie ein Kinderpopo war. Viktoria setzte sich auf einen der beiden Stühlen vor den Holzschreibtisch, hinter den sich Pfarrer Fuchs setzte. Auf dem Schreibtisch stand nur ein Tintenfass, ein Tintenlöscher und in einer Schale aus grünem Onyx lag eine Schreibfeder und ein Brieföffner. Davor lag eine lederne Schreibunterlage in dunkelgrün, die schon deutliche Abnutzungsspuren aufwies. Man sah, dass ein Rechtshänder hier schon viel geschrieben hatte Pfarrer Fuchs legte seine gefaltete Hände auf die Schreibunterlage und blickte Viktoria durch seine Nickelbrille stumm und eindringlich an. Viktoria erwiderte seinen Blick, hatte aber nicht vor, als erste zu sprechen. Als Pfarrer Fuchs sie weiter nur schweigend ansah, schaute sie sich im Büro um. Sie wollte partout ihren Blick nicht vor ihm senken. Sie war eine schöne, großgewachsene Frau. Die beiden Schwangerschaften hatten kaum Spuren an ihrem Körper hinterlassen, im Gegenteil, ihre Formen sind weiblicher geworden. Wegen der schweren Arbeit war sie gut durchtrainiert. Ihre blauen Augen waren ein positiver Kontrast zu ihren brünetten Haaren, die sie sich als Zopf geflochten um den Kopf gelegt hat. Darauf war noch eine Haube mit Haarklammern befestigt. Sie trug zwar ihr Werktagsgewand, aber den guten wollenen Umhang und die warmen Stiefel, die sie sonst Sonntags in die Kirche anzog. Hinter Pfarrer Fuchs hing ein Ölgemälde, eine Mariendarstellung. Maria, in ein weißes Kleid und einen blauen Umhang gehüllt, stand auf einer blauen Kugel, zu ihren Füßen kringelte sich eine Schlange und in ihrer linken Hand hielt sie einen Lilienzweig. Marias Kopf war umhüllt von einer silber glänzenden Aura und von links oben brach eine weiße Taube durch die Wolkendecke. Es war die Darstellung der jungfräulichen Empfängnis von Maria, aber das wusste Viktoria nicht. Rechts und links davon waren hohe Bücherschränke, vollgestopft mit Büchern und Papieren. Das Durcheinander in den Schränken war ein erschreckender Kontrast zu dem asketisch wirkendem Schreibtisch. Rechts von Viktoria war in der Ecke der Herrgottswinkel und darunter ein kleiner Altar. Rechts davon wiederum stand noch ein riesiger Bücherschrank an der Wand. Diesem Bücherschrank gegenüber waren zwei quadratische weiß lackierte Sprossenfenster in der Wand. Was hinter ihr war, konnte sie jetzt nicht genau sehen, aber sie meinte, auch dort einen Bücherschrank beim Hereinkommen ausgemacht zu haben. Es roch hier muffig nach Staub und Schweiß, sie war sich aber nicht sicher, ob der Schweißgeruch von ihr oder vom Pfarrer stammte. Nun endlich wendete sie den Blick wieder Pfarrer Fuchs zu, der nun zu sprechen begann. Er konfrontierte sie damit, dass er 700 Goldmark im Beichtstuhl gefunden habe und er wäre sich sicher, dass das Geld nur von ihr stammen könne, sie sei ja schließlich die Bäuerin auf Hinterkaifeck. Er setzte ihr zu, sie solle sofort sagen, für wen das Geld wäre und warum sie so viel Geld da versteckt hätte. Und sie müsse beichten, wenn sie unrechte Sachen machen würde. Er würde alles der Polizei melden, wenn sie es nicht schlüssig erklären konnte. Sie könnte aber natürlich auch das viele Geld der Mission spenden, dann käme es einem guten Zweck zu Gute und das würde der Herrgott ihr sicherlich anrechnen. Nun ja, es kam, wie es abzusehen war, Viktoria überließ dem Pfarrer das Geld und sagte, es wäre für die Mission. Andreas Huber ist fast froh, dass die Sache so glimpflich ausging, denn hätte der Pfarrer tatsächlich die Polizei informiert, hätten die sicherlich nur unangenehme Fragen gestellt und in Dingen herumgestochert, in denen die Polizei nach Andreas Hubers Meinung besser nicht herumstocherte. Wie auch immer, das Geld hatte die Empfänger nicht erreicht und die sind jetzt ungehalten und sauer, mit Recht sauer und sie vertrauen ihm nicht mehr uneingeschränkt. Das ist das allerschlimmste, denn wenn das Vertrauen weg ist, wird er bald nicht mehr an den lukrativen Geschäften partizipieren können. Also musste er sich jetzt unbedingt bewähren. Er seufzte, blickte noch einmal in Richtung Hexenholz und wollte sich gerade wieder zum Stall wenden, als er plötzlich inne hielt und mit schreckgeweiteten Augen auf den Acker vor sich sah. Sein Herz begann wild zu klopfen, es klopfte bis zum Hals, er dachte, es müsste gleich zerspringen. Ein Herzinfarkt, so dachte er, wäre auch eine Lösung, dann müsste er sich nicht mehr mit den an allen Enden und Ecken zusammenfallenden Karten des von ihm mühsam errichteten Kartenhauses herumschlagen. Jetzt, in der zunehmenden Helligkeit des Morgengrauens, sah er, was der Schnee letzte Nacht angerichtet hatte. Im Schnee war deutlich sichtbar, dass sich zwei Menschen vom Hexenholz zum Hof bewegt hatten. Es sah nicht so aus, als würde der Himmel eine weitere Schicht Schnee als Mäntelchen des Versteckens darüber bereiten, aber auch die Sonne hatte mit Sicherheit nicht genug Kraft, um den Schnee schnell genug zu schmelzen, so dass seine neugierigen Nachbarn diese Spur nachher nicht deutlich sehen würden. 

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Samstag, 31. Oktober 2020

Die Vorräte der Hinterkaifecker, hier die Kartoffeln

Die Hinterkaifecker hatten bei ihrem Tod ca. 12.500 kg Kartoffeln eingelagert. Zu besseren Vorstellung: das sind 250 große Zentnersäcke oder 5000 der handelsüblichen 2,5-kg-Netze. Eine unvorstellbar große Menge, über die schon gemutmaßt wurde, dass die HKler da unverhältnismäßig viel eingelagert hätten. 



Allerdings war es noch früh im Jahr, die Kartoffeln waren noch nicht gelegt und es mussten auch noch genügend für die beiden Ferkel und natürlich den Eigenverbrauch vorhanden sein. Klar ist dabei, dass ein Großteil bestimmt zum Legen gedacht war, denn es sollten auch in diesem Jahr bestimmt wieder Kartoffeln angepflanzt werden. 

Nun haben wir mal ein bisschen recherchiert und herausgefunden, dass man ca. drei Tonnen Kartoffeln für einen Hektar Acker benötigt. Quelle Bauernhof.net

Demnach würde die Menge für ca. 4 ha Ackerland reichen. Wir haben dann auch noch nach der damaligen Menge an Ertrag recherchiert und folgende sehr interessante Seite dazu gefunden: https://histat.gesis.org

Es wären damit also ungefähr 149,4 Doppelzentner (da = dezitonne = 100 kg) erwirtschaftet worden = 14.940 kg, auf vier Hektar Land gerechnet hätten die Hinterkaifecker also ca. 45 Tonnen Kartoffeln verkaufen können und hätten für den Eigenverbrauch und als Saatkartoffeln wieder ca. 15 Tonnen behalten. 

Übrigens kann man an der Tabelle auch sehen, dass 1921 ein ganz schlechtes Jahr für Kartoffeln war. 

Sonntag, 11. Oktober 2020

Sonntag, 4. Oktober 2020

Gerichtet von der schwarzen Hand

In der gestrigen Zeitung findet sich ein Bericht über einen Fall, mit dem sich auch Georg Reingruber, der leitende Ermittler von Hinterkaifeck, beschäftigt hat.